ADHS-Kompass

Behandlung

Medikamente bei ADHS: Was Sie wissen sollten

9. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit

Was sagt die Leitlinie?

Die AWMF S3-Leitlinie – das ist Deutschlands offizieller Qualitätsstandard für ADHS – sagt klar: Medikamente sind wertvoll, aber nicht der erste Weg. Sie sind Teil eines individuellen Plans, der auch Verhaltensunterstützung, Eltern-Coaching und Alltagsanpassungen enthält. Mehr dazu im Artikel Multimodale ADHS-Behandlung: Was die Leitlinie neben Medikamenten empfiehlt.

Ich habe die wichtigsten Informationen für Sie aus der Leitlinie zusammengefasst.

Das heißt: Es gibt kein Patentrezept. Was passt, entscheidet sich aus Erfahrungen, Versuchen und Erfolgserlebnissen, für jede Familie maßgeschneidert.


Medikamentöse Behandlung · Auf einen Blick

Die Wirkstoffe im Überblick

Vier Wirkstoffe, zwei Gruppen. Und eine Regel für alle: Auswahl, Verordnung und Dosierung gehören in ärztliche Hände.

  1. Methylphenidat
    z. B. Ritalin®, Concerta®, Medikinet®
    Stimulans. Langwirksame Präparate werden bevorzugt; kurzwirksame Formen v. a. zur Einstellung.
    Erste Wahl
    Initiale Behandlung bei ADHS ohne relevante Begleiterkrankungen; wird vor den Amphetaminen eingesetzt.
  2. Amphetamine
    z. B. Attentin®, Elvanse®
    Stimulans, vergleichbar wirksam wie Methylphenidat.
    Alternative
    Ohne vorherigen Methylphenidat-Versuch außerhalb der Zulassung.
  3. Atomoxetin
    z. B. Strattera®
    Kein Stimulans: Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.
    Nicht-Stimulans
    Non-Stimulanzien wie Atomoxetin oder Guanfacin zeichnen sich durch ein geringeres Missbrauchspotenzial aus, können jedoch eine geringere Wirksamkeit und ein ungünstigeres Nebenwirkungsprofil haben.
  4. Guanfacin
    z. B. Intuniv®
    Kein Stimulans: Alpha-2A-Agonist.
    Zweite Wahl
    Wenn Stimulanzien nicht in Frage kommen, unverträglich oder unwirksam sind (6–17 Jahre).
Die Entscheidung trifft immer ein Facharzt oder eine Fachärztin, gemeinsam mit Ihnen
adhs.kompass

Welche Medikamente gibt es?

Die Leitlinie nennt vier Wirkstoffe als mögliche Optionen und stellt sie gleich mit der Grundregel voran, zunächst nur ein Medikament einzusetzen:

„Wenn eine medikamentöse Behandlung indiziert ist, sollen Stimulanzien (Methylphenidat, Amfetamin und Lisdexamfetamin), Atomoxetin und Guanfacin als mögliche Optionen zur Behandlung der ADHS in Betracht gezogen werden."

„Wenn eine Pharmakotherapie indiziert ist, sollte immer zunächst eine Monotherapie erfolgen."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.2

Erste Wahl: Stimulanzien

Bei ADHS ohne relevante Begleiterkrankungen sind Stimulanzien der Startpunkt:

„[Bei] Patient*innen mit ADHS ohne relevante Komorbiditäten eine initiale Behandlung mit Stimulanzien wählen."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.4

Methylphenidat (Ritalin®, Concerta®, Medikinet®, …) wird dabei vor den Amphetaminen eingesetzt. Amphetamine (wie Attentin®) sind vergleichbar wirksam, zulassungsrechtlich aber nachgeordnet:

„Eine initiale Behandlung mit zugelassenen Amfetaminpräparaten (Dexamfetamin, Lisdexamfetamin) erfolgt außerhalb der Zulassung, wenn nicht zuvor ein Behandlungsversuch mit Methylphenidat stattgefunden hat."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.4

Kurz- oder langwirksam? Die Leitlinie empfiehlt bevorzugt langwirksame Präparate:

„Bei der Verschreibung von Stimulanzien bei Patient*innen mit ADHS sollten […] langwirksame Präparate eingesetzt werden: Größere Benutzerfreundlichkeit […]; Verbesserte Adhärenz; Vermeidung möglicher Stigmatisierung (z. B. durch Wegfall einer Einnahme der Medikation in der Schule)."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.4

Kurzwirksame (unretardierte) Formen bleiben vor allem für die Einstellungsphase eine Option:

„Alternativ können […] unretardierte Verabreichungsformen erwogen werden: genauere Dosisanpassung während der initialen Titrierungsphase der Medikation […]."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.4

Wenn Stimulanzien nicht passen: Nicht-Stimulanzien

Atomoxetin (Strattera®) ist laut Leitlinie kein Stimulans, sondern „der Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer". Zum Missbrauchspotenzial:

„Non-Stimulanzien wie Atomoxetin oder Guanfacin zeichnen sich durch ein geringeres Missbrauchspotenzial aus, können jedoch eine geringere Wirksamkeit und ein ungünstigeres Nebenwirkungsprofil haben."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0)

Guanfacin (Intuniv®) ist „der Alpha-2A-Agonist" und damit ebenfalls kein Stimulans. Es ist ausdrücklich ein Mittel der zweiten Wahl:

„In Deutschland wurde für Guanfacin eine Zulassung zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 6–17 Jahren erteilt, für die eine Behandlung mit Stimulanzien nicht in Frage kommt oder unverträglich ist oder sich als nicht wirksam erwiesen hat."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0)

Das gilt allgemein für den Wechsel auf ein anderes Präparat, wenn Stimulanzien nicht ausreichend wirken:

„Patient*innen, bei denen sich eine Behandlung mit Stimulanzien trotz Aufdosierung auf die maximal tolerierbare Dosis als ineffektiv erwiesen hat, ein anderes Stimulanz, Atomoxetin oder Guanfacin wählen."

AWMF S3-Leitlinie ADHS (Version 2.0), Empfehlung 1.5.4


Das Wichtigste: Wer darf Medikamente verschreiben?

Ärzte mit Verschreibungsberechtigung

Kinder- und Jugendpsychiater sind die Spezialisten für psychiatrische Störungen im jungen Alter. Sie haben eine umfangreiche Schulung in ADHS-Diagnostik und Medikationsverwaltung.

Kinderärzte mit ADHS-Spezialisierung kennen die Leitlinien und initiieren oft die Medikation – manche Kinderarztpraxen haben sich explizit darauf spezialisiert.

Ärzte für Kinder-Neurologie oder Neuropädiatrie verstehen die neurologischen Grundlagen und können sowohl diagnostizieren als auch behandeln.

Allgemeinmediziner können Medikamente verwalten und überwachen, nachdem ein Spezialist die Indikation gestellt und initial dosiert hat – aber ein Facharzt sollte die Diagnose bestätigen.

Wer berät, aber verschreibt nicht

Psychologen und Psychotherapeuten führen psychologische Tests durch, beobachten das Verhalten, analysieren die Entwicklung – unverzichtbar für die Diagnostik, aber sie dürfen keine Medikamente verschreiben.


So läuft es ab: von der Diagnose zur richtigen Dosis

1. Die richtige Diagnose zuerst

Bevor irgendein Medikament in Frage kommt, muss klar sein, dass wirklich ADHS vorliegt – und nicht etwas anderes (Schlafstörung, Angststörung, Entwicklungsverzögerung, Reife-Unterschiede). Das braucht Zeit, mehrere Blickwinkel, Tests.

Tipp: Eine fundierte Diagnostik von einem Spezialisten – ob Psychotherapeut oder Kinderpsychiater – lohnt sich von Anfang an. Sie spart Fehler und Umwege.

2. Indikation und Aufklärung

Ein guter Arzt checkt nicht nur „ADHS ja oder nein", sondern auch:

  • Wie stark sind die Symptome wirklich im Alltag?
  • Was haben Verhaltensinterventionen gebracht?
  • Welche Nebenwirkungen könnten für Ihr Kind relevant sein?
  • Was sind die Alternativen?

Eltern und Kind sollten verstehen, warum diese Medikation sinnvoll ist – nicht, weil es einfach ist, sondern weil es hilft.

3. Startdosis und Feinabstimmung

Medikamente bei ADHS funktionieren nicht nach dem Schema "eine für alle". Jedes Kind braucht seine Dosis.

  • Beginnend mit einer niedrigen Dosis, dann schrittweise erhöht
  • Beobachtung von Wirkung UND Nebenwirkungen
  • Regelmäßige Termine (anfangs alle 2–4 Wochen) zur Anpassung
  • Auch Familie und Schule berichten, wie es läuft

4. Das erste Jahr: kontinuierliches Monitoring

Die AWMF betont, dass Medikation nicht „einstellen und vergessen" ist:

Körperliche Kontrolle: Blutdruck, Herzfrequenz, Gewicht, Größe (besonders wichtig bei Kindern)

Wirksamkeit: Funktioniert es in Schule, Familie, Freundschaften? Merkt Ihr Kind selbst, dass es anders läuft?

Nebenwirkungen: Bauchweh, Schlafstörungen, Appetit, Kopfschmerzen, Stimmungsveränderungen? Wie stark sind sie, und wie sehr beeinträchtigen sie?

Schule & Alltag: Nicht nur „die Noten besser", sondern: Kann Ihr Kind sich konzentrieren? Kann es Freundschaften halten? Wird der Schulmorgen leichter?


Was eine gute Medikations-Entscheidung ausmacht

  • Es gibt ein Gespräch vor der Medikation, nicht nur eine Medikamentenverschreibung
  • Regelmäßige Nachuntersuchungen sind eingeplant (nicht erst, wenn etwas schiefgeht)
  • Mögliche Nebenwirkungen werden eng beobachtet, und Eltern und Kind werden ernst genommen, wenn welche berichtet werden
  • Die Medikation ist Teil eines größeren Plans, nicht das alleinige Heilmittel: Die Leitlinie empfiehlt zusätzlich Psychotherapie und weitere Strategien
  • Jährlich wird überprüft, ob die Medikation noch nötig und sinnvoll ist

Der nächste Schritt

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Medikation für Ihr Kind sinnvoll ist, ist ein klärendes Gespräch der erste Weg – nicht, um zwingend Medikamente zu beginnen, sondern um eine informierte Entscheidung zu treffen.

Wichtig zu wissen: Zu Medikamenten selbst – Auswahl, Verordnung, Dosierung und Kontrolle – berate ich beim ADHS-Kompass nicht. Diese Entscheidungen treffen Sie gezielt mit einem Facharzt oder einer Fachärztin Ihrer Wahl.

Bei allem anderen auf diesem Weg bin ich an Ihrer Seite: fundierte Diagnostik, verständliche Aufklärung, ein klarer Plan für die nächsten Schritte – auch als gute Vorbereitung auf das Gespräch mit dem Facharzt. Der Weg ist individuell, aber nie einsam.


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Angebote des ADHS-Kompass umfassen Beratung und Kurse: Sie sind keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung, und sie beinhalten kein Heilversprechen. Die ADHS-Diagnostik findet in der Psychotherapeutischen Praxis Dorka in Tübingen statt. Entscheidungen über Medikamente treffen Sie gemeinsam mit einem Facharzt oder einer Fachärztin Ihrer Wahl.

Quellen und weiterführende Links

Die Leitlinie zum Nachlesen:

Zitierte wissenschaftliche Artikel:

  1. Cortese, S. et al. (2018): Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 5(9), 727–738. doi.org/10.1016/S2215-0366(18)30295-5
  2. Banaschewski, T., Becker, K., Döpfner, M., Holtmann, M., Rösler, M., Romanos, M. (2017): Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder – A Current Overview. Deutsches Ärzteblatt International, 114(9), 149–159. doi.org/10.3238/arztebl.2017.0149
  3. MTA Cooperative Group (1999): A 14-month randomized clinical trial of treatment strategies for attention-deficit/hyperactivity disorder. Archives of General Psychiatry, 56(12), 1073–1086. doi.org/10.1001/archpsyc.56.12.1073

Vor jeder Entscheidung über Medikamente steht eine fundierte Diagnose. In meiner Praxis in Tübingen erhalten Sie eine leitlinienorientierte ADHS-Diagnostik ohne lange Wartezeit, mit verständlicher Rückmeldung und einem klaren Fahrplan für die nächsten Schritte.

Zur ADHS-Diagnostik

Über die Autorin

Geschrieben von Ana-Maria Dorka, klinischer Psychologin und approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit über zehn Jahren klinischer und ambulanter Erfahrung, Schwerpunkt ADHS, Neurodiversität und Entwicklung. Sie führt den ADHS-Kompass (Elternberatung online deutschlandweit, Kurse) und die Psychotherapeutische Praxis Dorka in Tübingen (ADHS-Diagnostik und Psychotherapie vor Ort). Mehr über mich · LinkedIn

Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine individuelle Diagnostik, Behandlung oder Rechts- bzw. Abrechnungsberatung. Woher meine Informationen stammen

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